Wie ein Blinder Schmuck erlebt: Ketten, die klingen (Gastbeitrag)

Heiko Kunert (32) ist blind. Er betreut die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg. In seinem Blog – blind-pr.blogspot.com – schreibt er über seine Arbeit und über sein Leben in Hamburg.

Ich freue mich sehr über seinen Gastbeitrag hier im Schmuck-Blog.

Ketten die Klingen

Ein verspieltes Klingen, Klirren und Knirschen schmückte ihren Hals. Immer wenn sie mir den Kopf zuwandte drang dieser weiche Sound an mein Ohr. Er erinnerte an ein zartes Windspiel, an Schritte am Strand. Was war das wohl, fragte ich mich. Eine Kette wahrscheinlich, soviel konnte ich orten. Wenn sie energisch sprach, zitterte ihr Halsschmuck schwungvoll mit. Wurde die Trägerin der Kette ruhig und nachdenklich, unterstrich das kaum hörbare Klirren dies sanft. Meine Freundin trug an diesem Herbsttag eine Perlenkette. Zwischen den Perlen hingen winzige Muscheln dicht an dicht an ihrem Hals. Sie rieben aneinander. Einige waren ganz glatt, andere rau wie das Meer.

Ich liebe solche Schmuckstücke. Armbänder, Ohrringe und Ketten, die klingen, machen mich immer neugierig. Ist der Schmuck dann auch noch spannend zu fühlen, ist es die perfekte Zier. Finger mögen Kontraste: rau und glatt, fest und weich, spitz und tief, eckig und rund. Die Kombination unterschiedlicher Materialien ermöglicht eine Entdeckungsreise für Tast- und Hörsinn. Gerade Naturstoffe scheinen mir besonder´s interessant: Steine, Leder, Holz oder eben Muscheln.

So abwechslungsreich ist Herrenschmuck meist nicht. Dennoch trage ich gern Ohrstecker, Armbänder, mal eine Kette oder einen Ring. Inzwischen fällt mein Schmuck meist schlicht, aber solide aus. Silberne Ministecker oder kleine Scheiben aus Silber zieren meine Ohren. Dabei ist das Material wichtig. Ich fühle gern, dass es echt ist, dass es ein Gewicht hat. Kunstschmuck fühlt sich häufig auch künstlich an. Es mag sein, dass er fast echt aussieht. Da diese optische Täuschung bei mir aber verpufft, sollte ein anderer Sinn angesprochen werden. Zur Sicherheit hole ich mir sehenden Rat ein, ob ein Stück auch optisch zu mir passt. Ich gehe nicht soweit, zu behaupten, dass ich fühlen könnte, aus welchem Material die Kette oder der Ohrring ist. Dafür hab ich zu selten Schmuck in den Händen. Habe ich erstmal ein Stück gefunden, das zu mir passt, dann trage ich es lange Zeit. Dann wird es ein Teil von mir. Dabei trage ich den Schmuck nicht nur für mein sehendes Gegenüber, sondern vor allem für mich. Andere Menschen – seien sie nun blind oder sehend – können das manchmal nicht nachvollziehen. Denen sage ich dann, dass es Blinde gibt, die gern Schmuck tragen und andere, die das nicht mögen, genau wie unter Sehenden. Blinde sind eben auch nur Menschen.

Die blinden und sehbehinderten Hamburgerinnen und Hamburger und deren Angehörige bekommen Hilfsmittel, Lebens- und Rechtsberatung sowie ein umfassendes Kultur- und Freizeitangebot im Louis-Braille-Center, Holsteinischer Kamp 26. Im Dienstleistungszentrum des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg (BSVH) finden Menschen, bei denen das Sehen nachlässt, in vielen Gesprächen mit professionellen Beraterinnen, Beratern und mit Gleichbetroffenen wieder Mut und Zuversicht. Durch ehrenamtliche Mitarbeit oder eine Spende können Sie helfen. Nähere Infos unter http://www.bsvh.org oder Tel. 040-2094040.

5 Antworten auf „Wie ein Blinder Schmuck erlebt: Ketten, die klingen (Gastbeitrag)“

  1. Ich finde diesen Beitrag sehr schön, auch ich bin blind, und jetzt wird deutlich: Geschmäcker sind verschieden.
    Auch ich bin blind, und das einzige, was mich vom Schmuck-Kauf abhält, sind meine Finanzen 😉 Ich liebe es, meist zum Leidwesen meiner Freunde, lange im Schmuck zu stöbern. Hierbei mag ich sehr gern Schmuck, der, da stimme ich Heiko zu, echt ist und ein Gewicht hat. Ich mag gern Ohr- und Fingerringe. Ketten verliere ich irgendwie immer. Armbänder stören mich eher. Aber wenn mich Schmuck überzeugt, dann muss er Muster haben. Außerdem muss er viele Rundungen enthalten, oder viele Riffelungen. Allerdings gibt es auch Ausnahmen. Ich hatte mal Ohrringe, die einfach aus einem glatt geschliffenen und geformten Stein bestanden. Hierbei mag ich besonders Tiger- und Katzenaugen, Rosenquartze sind wundervoll. Eigentlich mag ich auch Bergkristall, nur der soll, so wie mir gesagt wurde, sehr großmütterlich aussehen. Schade! Aber Schmuck, das ist eine Wissenschaft für sich. und ich mag diese Wissenschaft sehr.

  2. Lieber Heiko,
    dein Beitrag ist ausgezeichnet.
    Ich habe mit den SehbehindertenlehrerInnen Burgenlands ein moodle-Plattform eingerichtet, da es bei uns im Burgenland in jedem Bezirk einen Sehbehindertenlehrer gibt, aber die Entfernungen zwischen ihnen sehr groß ist und die Kommunikation dadurch sehr eingeschränkt.
    Ich habe mit sehbehinderten oder blinden Menschen eigentlich bisher gar nichts zu tun, aber es interessiert mich immer mehr, wie man an Dinge herangeht.
    Mich interessiert z. B. sehr, wie ergeht es dir mit dem Bloggen? Wir haben damit leider gar keine Erfahrungen und würden es auch gerne unseren blinden SchülerInnen anbieten? Bei uns gibt es in jedem Bezirk einen oder mehrere SchülerInnen. Sie sind zwar in der jeweiligen Schule einigermaßen integriert, aber ich kann mir vorstellen, dass es für sie interessant wäre, auch mit über Bloggen miteínander in Kontakt zu treten? Meinst du wäre das möglich?
    Bin schon auf weitere Beiträge neugierig?

    Mein Blog dazu:http://mabihi.wordpress.com/2009/02/01/blogs-und-blind/

    Viele liebe Grüße aus dem Burgenland
    Gabriele Billovits

  3. @Janine, Du sprichst etwas wichtiges an: Geschmäcker sind verschieden, auch unter blinden und sehbehinderten Menschen. Genau wie sehende Menschen, sind auch blinde Leute unterschiedlich. Leider wird von Nichtbehinderten viel zu häufig von einem Behinderten auf alle anderen geschlossen – verständlich, aber meistens falsch.
    @Gabi: Wenn man als blinder oder sehbehinderter Mensch fit mit dem PC und dem Web ist, dann kann man auch bloggen. Ich selbst mache das über Blogspot und komm da ganz gut mit klar. Das Schreiben und Veröffentlichen ist überhaupt kein Problem. Bei allen fragen rund um Design o.Ä. muss man sich schon sehr gut mit dem Internet auskennen, und selbst dann braucht man mal einen sehenden Helfer.

  4. Hallo Heiko!
    Ich bin Sonderpädagogin und habe mein Referendariat an einer Schule mit dem Förderschwerpunkt Sehen absolviert, wodurch ich sowohl Kontakt mit blinden/ sehbehinderten Arbeitskollegen als auch natürlich mit meinen blinden und sehbehinderten Schülern hatte.
    Letzten Sommer habe ich ein verlängertes Wochenende in der Schmuckstadt Pforzheim verbracht und bin dort auf ein sehr interessantes Schmuckdesign gestoßen, was gleichzeitig naheliegend als auch neuartig ist. Hierbei handelt es sich um Fingerringe aus wählbaren Materialien (Stahl, Silber, Gold), in die nach Wunsch Braille-Buchstaben in Form von kleinen Brillanten gefasst werden. Das Design ist sehr schlicht, hochwertig und unauffällig, aber gleichzeitig durch die gefassten Buchstaben auch sehr persönlich. Die Schmuckserie heißt „Puntos“. Vielleicht ist es ja für den einen oder anderen interessant.
    Gruß,
    Luci

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